9. November 2010 von Heidi Jesberger
Wenn wir eines gezeigt haben, dann war es Durchhaltevermögen!
Wir haben ganz schön viel Stress auf uns genommen und haben immer daran geglaubt, dass meine Form stimmt. Na ja, ich war schon sehr deprimiert und frustriert und hatte die Zuversicht in meine Leistungsfähigkeit schon verloren, doch Jürgen war felsenfest davon überzeugt, dass ich fit bin.
Nachdem ich bei der Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii 2 Platten hatte und so viel Zeit auf alle anderen verloren hatte als ich 30 Minuten auf den Materialwagen warten musste, stieg ich enttäuscht aus dem Rennen aus.
So viele liebe Menschen haben mir Nachrichten geschrieben, dass ich nach vorne schauen solle und ein neues Rennen in Angriff nehmen soll, doch das war vom Kopf her gar nicht so einfach.
Alles war auf dieses eine große Ziel ausgerichtet. Ich hatte mich so darauf gefreut und nach dem Rennen hatten wir eigentlich auch 5 Tage Urlaub geplant.
Doch nach dieser Enttäuschung war uns beiden nicht nach Urlaub zu mute.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich den nicht verdient hatte.

Mein Jahr verlief im Rückblick eigentlich super: Außer 2 wirklich starken Erkältungen war ich dieses Jahr gesund und vor allem verletzungsfrei. Leider kam meine 2. Erkältung genau im August, wo ich einige kürzere, sehr tolle Rennen in Deutschland geplant hatte. Da die Erkältung sehr stark und zäh war, konnte ich leider keines dieser Rennen machen und musste sie alle absagen.
Nichtsdestotrotz fand ich schnell wieder in einen sehr guten Trainingsrhythmus und konnte meine Form bei einem 3wöchigen Trainingslager auf Lanzarote sehr gut ausbauen.
Nun, nachdem Hawaii so unglücklich gelaufen war, hatte ich seit Juli keine Wettkämpfe mehr vorzuweißen, obwohl ich fit war. Ich wollte unbedingt noch beweißen, dass ich etwas kann.
Also strichen wir unseren Urlaub auf Hawaii, buchten in einer Nacht und Nebel Aktion unsere Flüge um (vielen Dank an Daniel Kezele, der uns dabei sehr geholfen hat!) und ich startete schon eine Woche später beim 70.3 Half Ironman in Austin/Texas.
Leider war auch hier wieder nicht das Glück auf meiner Seite und ich stürzte im Wettkampf auf dem Rad. Am liebsten wäre ich echt liegengeblieben, doch nach diesem Aufwand und nachdem ich die Woche zuvor schon nicht finishen konnte, versuchte ich mich wieder zu organisieren, richtete mein Rad so gut es ging wieder her und setzte den Wettkampf fort.
Leider fand ich nur wieder schwer zurück ins Rennen und konnte nur auf dem 16. Platz finishen.
Nun war mein Selbstbewusstsein total zerstört. Ich fing an allem an zu zweifeln, an meiner Form, an mir, ob ich überhaupt als Profisportlerin geeignet bin,…
Ich war total traurig und enttäuscht. Diese ganze Aktion hatte nichts gebracht, außer einem wirklich brutalen Heimflug von Austin über Phoenix nach LA, Chicago nach München. Reisezeit 28 Stunden!
Zuhause wollte ich erstmal 2 Tage nichts von Sport hören, doch schon am 3. Tag war da wieder so ein kleiner Funke Hoffnung.
Da war noch so ein Feuer in mir. Gemeinsam überlegten wir, welche Möglichkeiten es noch gibt und plötzlich war da die Idee von Taiwan.
Kurztrip Taiwan. Expressreise 4 Tage!?!
Da wir mit Hawaii schon so viel Geld für die Flüge ausgegeben hatten, wollten wir bei diesem Abenteuer die Kosten so gering wie möglich halten.
Die letzten Jahre habe ich sehr fleißig bei allen möglichen Flügen Meilen gesammelt, da hatten wir die Idee, dass wir evtl. den Flug nach Taiwan mit Meilen zahlen könnten. Und siehe da, es ging! Wow! Was für ein Glück!
Zwar war dies kein Direktflug, doch was soll’s. Mittlerweile waren wir ja wirklich Flug erprobt
Mit dem Meilenflug kamen wir von Frankfurt über Peking nach Taiwan/Taipeh und dann mussten wir nun nur noch einen Inlandsflug von Taipeh nach Kaosiung kaufen.
Dieser war mit 110 € auch preislich erschwinglich. Nun mussten wir nur noch einen Startplatz, Hotel und Transfer organisieren.
Der Startplatz war dank Profilizenz kein Problem, nur die Sache mit dem Hotel gestaltete sich schwierig. Alle Webseiten von Hotels, die auf Englisch waren, waren bereits ausgebucht und die anderen konnten wir nicht entziffern. Wir schrieben den Veranstalter an, ob er uns bei der Hotelsuche behilflich sein könnte. Unser Problem war die Zeit. Unser Abflug war bereits in 24 Stunden und wir hatten immer noch keine Unterkunft. Da wir erst um 23:10 in Kaosiung landen würden, wäre es schwierig, mitten in der Nacht mit Rad ein Hotel zu suchen, am besten noch in der Nähe des Renngeschehens.
3 Stunden bevor wir unsere Reise schließlich starteten bekamen wir die erfreuliche Nachricht, dass wir die 2 Nächte, die wir brauchen im offiziellen Rennhotel incl. Flughafentransfer + Halbpension vom Veranstalter bekommen. Super! Besser hätte es nicht laufen können!
Die Anreise funktionierte einwandfrei. Am Flughafen wurden wir bereits erwartet, alles Gepäck war dabei und nach ca. 27 Stunden Reisezeit kamen wir erschöpft aber zufrieden am Hotel an.
Das Hotel war ein echt schönes Ressort mit verschiedenen Pools, Wasserfällen und tollen Zimmern. Wir versuchten die 7 Stunden Zeitverschiebung so gut es ging zu ignorieren und noch alle wichtigen Trainingseinheiten vor dem Wettkampf zu absolvieren.
Nach nur 5 Stunden Schlaf mussten wir also schon wieder aufstehen, um gemeinsam mit dem Orga Team die Radstrecke abzufahren. Zu genau waren mir noch die äußerst chaotischen Verkehrsverhältnisse von China im Gedächtnis.
Die gemeinsame Radausfahrt war toll organisiert: 5 Begleitautos und ca. 40 Athleten, die sich gemeinsam auf die 45 km lange Runde machten. Doch bereits nach 5 km drehen die ersten Sportler um und zum Schluss kam ich gemeinsam mit 4 ambitionierten Männern und 5 Begleitfahrzeugen wieder am Hotel an. Cool 
Die Runde war sehr abwechslungsreich: weite Teile am Meer entlang, dann ins Landesinnere, wo es etwas selektiver wurde und auch die Schlaglöcher deutlich mehr und größer wurden. Es war also immer die volle Aufmerksamkeit gefordert. Auf der Strecke waren auch unheimlich viele freilaufende Hunde, die aber komischerweise nicht bellten und sehr friedlich wirkten.
Alles wirkt viel gepflegter als in China und man sah abwechselnd Bananenstauden, Reisfelder und Tempel in allen Größen und Farben.
Nach dem Radtraining ging ich noch kurz laufen, dann zur Wettkampfbesprechung und zum Check in.
Leider gab es nicht die Möglichkeit mit dem Bus zur ca. 15 km entfernten Wechselzone zu fahren. Aus diesem Grund musste ich mit meinem Rad losfahren.
Nun hatte ich 60 km Radtraining, einen Tag vor dem Rennen, doch anders war es nicht möglich, da ich unbedingt die Strecke sehen wollte. Egal. Eine Gute steckt das schon weg
Abends war dann die offizielle Pastaparty in unserem Hotel. Auf der Grünfläche der Anlage waren überall Tische aufgebaut. Man hatte Blick aufs Meer und das Buffet war ein bunter Mix aus Asiatischen Köstlichkeiten sowie Spagetti. Leider hatten die Veranstalter die Stühle vergessen!?! Das war die erste Pastaparty meines Lebens, die im Stehen stattfand und das, wo man doch am Tag vor dem Rennen nicht so viel herumstehen soll!?!
Etwas verwirrt saßen die Sportler auf Mauern oder im Gras. Schon verrückt!
Bereits um 20 Uhr legten wir uns ins Bett und schliefen vor Erschöpfung sofort ein.
Bis 24 Uhr, dann waren wir wieder fit, topp fit! Viel zu fit um wieder einzuschlafen.
Nun ja, wer braucht schon Schlaf!?! Ich schaff das auch so. Der Kopf entscheidet ja so viel!
Ca 2 Stunden konnte ich nochmals einschlafen, bis uns um 3:40 schließlich wieder unser Wecker aus den Federn riss.
Der Wettkampf:
Schwimmen:
Um 6:30 war der Start, alle Athleten gemeinsam.
1,9 km Schwimmen im Meer als zweimalige Wendepunktstrecke mit kurzem Landgang. Geplant war ca. 500 m kerzengerade hinaus und wieder zurück. Dazu hatte der Veranstalter eine ca. 500 m lange Leine bis zur Wendeboje gespannt. Durch die starke Strömung war das Seil aber gebogen wie eine Banane und dementsprechend war nun auch die Schwimmstrecke etwas kurviger und länger. Das Meer war sehr unruhig und wir hatten mit richtig starkem Wellengang zu kämpfen. Obwohl die Wassertemperatur sehr warm war, wurde der Neoprenanzug erlaubt. Wahrscheinlich weil sonst viele Athleten das Schwimmen gar nicht geschafft hätten. Ich tat mir echt schwer, kam aber mit erstaunlich wenig Rückstand auf die Spitze aus dem Wasser. Im Schwimmen geht es im Moment wirklich super!
Jürgen hat erzählt, dass sich viele Athleten panisch an der Leine festgehalten haben. Für weniger gute Schwimmer waren dies auch äußerst harte Bedingungen.
Rad:
Als 5. Frau, nur 1:30 min hinter Belinda Granger, mehrmaliger Ironman- und Rothgewinnerin, konnte ich aufs Rad wechseln. Der Wind war sehr stark, doch Gott sei dank nicht so böig wie auf Hawaii. Obwohl 800 Athleten gemeinsam gestartet waren, war man auf der Radstrecke sehr einsam. Die meisten Asiaten schwimmen nicht so stark und so entzerrte sich das Teilnehmerfeld sehr schnell. Ohne Sturz und Pannen kam ich diesmal über den 90 km langen Radkurs und konnte auf Rang 5 liegend zum Halbmarathon wechseln.

Lauf:
Die Laufstrecke führte vom Start, wo auch beide Wechselzonen waren zum Hotel und noch 2 km weiter und zum Ziel, direkt vor dem Hotel. Da Jürgen kein Rad dabei hatte (wir hatten nur 20 kg Freigepäck, daher hatte ich nur mein Rad + Jürgen unsere gemeinsame Tasche) musste er mit dem Pendelbus zurück zum Hotel fahren. Daher hatte ich keinerlei Infos wie ich lag bzw. wie weit die nächste Frau vor mir lag. Mittlerweile war es sehr warm geworden.
Ich lief und lief und sah keine Menschenseele vor mir. Da ist es natürlich um einiges schwieriger sich bis an sein Limit zu pushen, als wenn man schon Sichtkontakt zu den Gegnerinnen hat.
Bei km 9 sah ich dann die Japanerin Maki! Ich lief auf sie auf, überholte sie, sie lief ein Stück mit, doch dann konnte ich sie abschütteln. Das gab mir echt Auftrieb!
Bei km 15 stand Jürgen. Er rief mir zu, dass 1:20 min vor mir die nächste Athletin sei. Ich gab Gas, konnte jeden Kilometer 10 Sekunden auf die vor mir laufende Amerikanerin gutmachen. Ich versuchte alles, kämpfte! Doch als sie mich ca. 2 km vor Ende am Wendepunkt sah, mobilisierte sie auch nochmals ihre letzten Kraftreserven und rettete sich 11 Sekunden vor mir ins Ziel. Oh. Ich blieb wie angewurzelt auf der Ziellinie stehen. Enttäuscht, da es so knapp war, bis ich sah, dass die Timingmatte 1 m weiter vorne lag. In der Ergebnisliste bin ich nun 20 Sekunden hinter Rang 3, doch was soll’s.
Ich habe alles gegeben, das ist was zählt. Ich habe gekämpft und der Abstand zur Spitze war denkbar knapp. Nur 3:30 min hinter Belinda Granger, zweitschnellste Laufzeit, ich bin wirklich zufrieden!


Die Heimreise:
Die Heimreise war ein Kapitel für sich, denn sie gestaltete sich als unser größtes Abenteuer. Da wir bereits am Montag wieder einen wichtigen Termin in Deutschland hatten, mussten wir noch am Samstagabend, also am Raceday abreisen.
Um 17:30 ging unser Transfer zum Flughafen. Dieser dauerte fast 2 h, da auf den Straßen die Hölle los war. Unser erster Flug war wieder nach Taipeh. Da unser Anschlussflug erst am nächsten Morgen um 7:20 Uhr weiterging, hatten wir uns in Taipeh ganz in der Nähe des Flughafens ein Hotel gebucht. Unser Shuttle Fahrer lies uns am “Domestik Terminal“ raus, da es sich ja auch nur um einen Inlandsflug handelte. Dort war schon alles dunkel und wir erfuhren, dass es heute Abend gar keine Flüge mehr geben würde. Komisch.
Also liefen wir mit Sack und Pack ins „International Terminal“. Dort fing der Spaß dann erst richtig an:
Beim Check in meinte das Personal, dass wir unseren Flug nicht antreten könnten, da wir einen international Flight gebucht hätten und wir damit bereits hier durch den Zoll gehen und aus dem Land ausreisen würden. Es wäre dann nicht mehr möglich in Taipeh quasi wieder ins Land einzureisen. Wir dürften den Flughafen daher nicht mehr verlassen. Das Problem wäre jetzt, dass der Flughafen nachts geschlossen wird. Da standen wir nun also, noch 1:30 h bis zum Abflug.
Das Personal schlug uns vor, dass wir mit dem Zug quer durch die Insel nach Taipeh fahren könnten…
Doch wir waren erstens hundemüde, hatten keinerlei Orts- und Sprachkenntnisse und keine Ahnung, ob der Zug die ganze Nacht fahren würde!
Den Flug in Verbindung mit dem Hotel hatten wir bei Expedia gebucht. Das hätten die uns so überhaupt nicht verkaufen dürfen!
Die Beamten waren echt total nett und hilfsbereit. Wir erzählten ihnen, dass wir beim Herflug in Taipeh auf dem Flughafen ein kleines Hotel im Flughafen gesehen hätten und ob es nicht möglich wäre, in diesem Hotel zu übernachten.
Sie telefonierten wie die Weltmeister mit der Einwanderungsbehörde, dem Hotel und fanden heraus, dass noch 2 Doppelzimmer frei waren! Gott sei dank! Nach langem hin und her durften wir schließlich einchecken. Mittlerweile waren wir auch 50 min am Schalter!
Wir flogen nach Taipeh, übernachteten im Flughafenhotel. Leider waren dort schon alle Restaurants geschlossen und wir bekamen dort nichts mehr zu essen außer einer 5 Minuten Terine
… aber das war völlig ok nach diesem Stress.
Ich sage nur: wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben! Abenteuer Taiwan.
Ich kann kaum glauben, dass dies nur 4 Tage waren!
Eure Heidi